40 Stunden in der Woche absitzen - Sinnvolle Arbeitszeit oder Relikt der Industrialisierung?

Aktualisiert: 4. Aug. 2019

Hast du dich auch schon mal gefragt, warum wir eigentlich 40 Stunden pro Woche arbeiten und ob das Sinn macht?


Arbeitszeit

Photo by Brad Neathery on Unsplash


Ich kann mich noch gut an meinen letzten Job erinnern: flexible Vertrauensarbeitszeit in einer 40-Stunden-Woche. Die meisten Kollegen waren im Kern von 9 Uhr bis 18 Uhr anwesend. Diese Zeit war schnell das Maß aller Dinge.

“Wie? Du gehst schon? Hast du etwa einen halben Tag Urlaub?”

Wenn du bis 20 Uhr oder 21 Uhr geblieben bist, kanntest du nach und nach zwar alle Reinigungskräfte. Wehe dem aber, du wolltest mal an einem Freitag um 15 Uhr das Haus verlassen. Spätestens im Fahrstuhl musstest du die die Frage anhören "Wie? Du gehst schon? Hast du etwa einen halben Tag Urlaub?" - So viel zur Flexibilität!



Früher war alles besser, oder?


Stimmt nicht. Verglichen mit der ersten industriellen Revolution können wir uns glücklich schätzen. Hier gab es nämlich kaum qualitative Lebenszeit.

Im 19 Jahrhundert kam mit den Maschinen und der Fließbandarbeit die (bis zu) 85-Stunden-Woche auf. Außerdem waren Fehler die absolute Katastrophe und wurden geahndet. Ja, es gab sogar Bußgeldkataloge dafür.


Im Mittelalter hingegen arbeitete man ungefähr soviel wie wir jetzt auch. Vielleicht sogar etwas weniger. Vergleichen lässt sich das nur schwer. Die Bauern und Handwerker haben in der Regel von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang gearbeitet. Das bedeutet im Winter weniger Arbeit und im Sommer mehr. Da konnten es dann auch schon mal 16 Stunden am Tag werden.

Der Lohn war nicht an die Arbeitszeit gekoppelt und das Arbeitstempo eher entspannt.

Jedoch war die Arbeitsgeschwindigkeit und das Pensum ein anderes. Die Arbeitszeit hatte nur eine geringe Bedeutung und war auch nicht wirklich messbar. Begonnen hat der Tag mit einem ausgiebigen Frühstück, Mittagspause und Nachmittagsschlaf dürften auch nicht fehlen. Der Lohn war nicht an die Arbeitszeit gekoppelt und das Arbeitstempo eher entspannt. Arbeitszeit und Freizeit gingen in einander über.


Gehen wir noch weiter in unsere Vergangenheit und fragen die Jäger und Sammler, so war dort etwas wie Arbeitszeit mit Sicherheit nicht bekannt. Gab es für den Tag genug zu essen, so war die Arbeit erledigt. Dafür hörte man wohl nicht einfach ab einem gewissen Alter auf Beeren zu sammeln und ging in Rente.



Wie sieht es mit der Arbeits- und Lebenszeit heute so aus?


Der deutsche Durchschnittsbürger ist angestellt und wird arbeitsvertraglich für eine 40-Stunden-Woche bezahlt. Da bei uns in der Regel Wohnung und Arbeitsort nicht mehr zusammenliegen, müssen wir täglich einen Weg auf uns nehmen. Ich setze den mal mit einer Stunde von Tür zu Schreibtisch an. Für die Mittagspause schreiben wir unserem Zeitkonto mal ebenfalls eine Stunde gut. Schwups, sind 11 Stunden unseres Tages einfach weg. 11 Stunden, die wir rund um den Job verbringen.


Wollen wir im Schnitt noch 7 Stunden netto schlafen, sollten wir schon 8 Stunden im Bett verbringen. Frühstück, Abendessen, Körperhygiene,... abgezogen, sind wir bei 20 oder 21 verplanten Stunden. Da bleiben uns nur noch 3 bis 4 Stunden Freizeit am Tag. Aber ist das wirklich Freizeit? Können wir die komplett zum entspannen nutzen?

Einkaufen, Waschen, Bügeln, Putzen, sich um die Kinder kümmern und noch die obligatorische Joggingrunde. Reichen uns dann 2 Tage am Wochenende wirklich aus, um zu regenerieren?



Wie produktiv sind wir eigentlich in einer 40-Stunden-Woche?


Was hat also der Arbeitgeber davon, dass er sich unsere Lebenszeit erkauft? Als freier Berater ist man nicht 40 Stunden in der Woche ausgebucht. Zu tun gibt es trotzdem was, nur verdient man in dieser Zeit eben kein Geld. Buchhaltung, Controlling, Akquise,... können einen ganz schön auf Trapp halten. Bei einem meiner Auftraggeber war ich für 24 Stunden pro Woche gebucht. Der Neid der Mitarbeiter war auf meiner Seite, weil die anderen Themen nicht gesehen werden. Zugegeben ist so eine 3-Tage-Woche schon angenehm. Allerdings höre ich ja nicht auf zu denken, nur weil ich Donnerstagabend das Büro verlasse. Ich erinnere mich an viele Freitage (die ich nicht in Rechnung gestellt habe), an denen ich Ideen hatte, die die Firma weiterbrachten.


Ich glaube, dass wir ineffizient und ineffektiv arbeiten, wenn wir mit 40-Stunden-Anwesenheitspflicht arbeiten. Der Kopf braucht auch mal eine Pause, um wieder frische Gedanken zu bekommen. Wenn ich mich dann ganz anderen Themen widme, so kommt manchmal ganz unverhofft die Lösung für die Jobthematik, nach der ich gesucht habe.

Wir Menschen hingegen sind mit unserem Denken und unserer Kreativität gefragt, Probleme zu lösen und Unternehmen weiterzuentwickeln.

Es mag sein, dass unsere Kreativität und unserer zusätzliches Engagement in der Zeit der ersten industriellen Revolution mit der Fließbandarbeit nicht notwendig war. Aber heute übernehmen mehr und mehr Roboter diesen Job. Wir Menschen hingegen sind mit unserem Denken und unserer Kreativität gefragt, Probleme zu lösen und Unternehmen weiterzuentwickeln. Die Digitalisierung schafft nach und nach alle Arbeitsschritte ab, die keinen eigenen Denkprozess erfordern. Ist es noch nötig und sinnvoll hier auf eine 40-Stunden-Woche zu beharren?



Digitale Veränderungen - Mitarbeiter enabeln


Auf die Mitarbeiter kommt es heutzutage schließlich an, wenn ein Unternehmen weiter am Markt bestehen will. In der disruptiven Welt, in der wir uns befinden, brauchen wir Menschen, die uns nicht Zeit gegen Geld spenden. Vielmehr brauchen wir Fans unserer Produkte, Ideengeber, Wegbereiter, Mitdenker, Querdenker und einzigartige Spezialisten, die Neues ausprobieren, umsetzen und lernen.


Wäre es nicht schön, in einer Welt zu leben, die meine Gedanken, meine Ideen und meine Fähigkeiten kontinuierlich mein ganzes Leben lang wertschätzt? Ich möchte gar nicht in Rente gehen. Ich möchte mich weiter (wirtschaftlich und sozial) sinnvoll engagieren und meine Erfahrungen einsetzten. Nur möchte ich das eben nicht unter Druck und dem Zwang einer 40-Stunden-Woche mein Leben lang tun. Zu viel Druck zerstört die Kreativität.


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